Die re:publica 2014: Meine Eindrücke

Republica! Ich habe mich auf die republica gefreut wie Bolle, obwohl ich noch nie dort war. Von der letzten habe ich ein paar Videos und Texte gelesen und war extrem gespannt. Vor lauter Vorfreude habe ich sogar eine Excel-Tabelle zurecht gefummelt, die ich dann aber vor Ort gar nicht nutzen konnte.

Gleichzeitig war ich auch angemessen nervös, denn ich fuhr alleine hin und kannte persönlich nur Anna von Berlinmittemom, von der ich zwar wußte, dass sie dort sein würde, aber nicht wann und wo und wie lange. Alle anderen kannte ich nur virtuell. Ich hatte also ein bisschen Pausenhofbammel und sah mich schon mit meinem Iphone und einem Kaffee einsam und verlassen in der Ecke sitzen.

Mein Fazit schonmal vorab
Ich habe durch die Konferenz einen freigepusteten Geist, viele neue Inspirationen, einen neuen, wiedergewonnenen Fokus auf politisch-gesellschaftliche Themen und mindestens drei neue Blogposts im Kopf.  Außerdem habe ich wirklich tolle, spannende, nette und warmherzige Menschen treffen und kennen lernen dürfen. Bevor ich darauf eingehe, muss ich noch etwas über die allgemeine und eben besondere Stimmung auf der republica erzählen:

In meinem beruflichen Leben war ich schon auf so mancher Konferenz oder Messe oder sonst ein größeres Event. Nie, wirklich niemals war es so freundlich, so entspannt, so offen, so bodenständig und gleichzeitig intellektuell anspruchsvoll, so partnerschaftlich auf Augenhöhe unter den Teilnehmern und Vortragenden. Es war eine unaufgeregte Aufregung dort, eine Art Klassentreffen mit wirklich lieben Klassenkameraden. Ich empfand es als nahezu komplett Eitelkeitsfrei! Wie befreiend das ist!
Dafür muss man den Veranstaltter der republica danken. Es scheint mir, als ob es ihre Grundhaltung und Freundlichkeit ist, die sich auf alle Helfer, alle Vortragenden und die gesamte republika-Mischpoke überträgt! Sie machen das, weil sie es wollen, nicht (nur) weil sie damit Geld verdienen müssen. Ich hoffe übrigens, letzteres passiert trotzdem.

Ich traf und sprach viele Menschen, um nur einige zu nennen:  @berlinmittemom, @moeyskitchen, @23qmstil, @tastesheriff und @happyhomeblog. Auch @wortakzente, @junaimnetz, sowie @TZpazifist, @lieblingnj und @fraumierau. Dazu kommen zahlreiche Shake-Hands und „Hallo ich bin (Name) und @Mama notes“ mit vielen weiteren, freundlichen Menschen.
Und nein, ich stand kein einziges Mal einsam in der Ecke!!! :)

So, jetzt aber zu den Sessions.
Es war nicht einfach, alles klang so spannend, fand gleichzeitig statt. Ich ertappte mich oft bei dem Gefühlt, dass die Party genau auf der Stage nebenan steigt. Und dann war die nächste Session, auf der ich war, wieder super und informativ. Mittlerweile habe ich schon einige Sessions auf YouTube nachgeguckt, die ich nicht live gesehen hab, sie sind alle toll, anspruchsvoll und inspirierend. Vielleicht mache ich nochmal einen Post mit einer Liste mit allen von mir für spannend befundenen Vorträge.

Hier aber nur meine Highlights, eine winzig kleine Auswahl an Vorträgen:

„Überwachung macht impotent!“ – Neue Narrative gegen Überwachung
mit Friedemann Karig

Das war die erste der Vortrag, der mich am meisten „geflashed“ hat! Unbedingt anschauen!!!!
Friedemann Karig ist auf der Suche nach neuen „Narrativen“, um die Gefahr, die durch die Totalüberwachung entsteht, beschreiben und in der breiten Gesellschaft auch deutlich und verständlich machen zu können. Das machte er auf unglaublich einprägsame und unterhaltende Weise.

Ein Fazit seines Vortrags ist ein klares Statement, das ich im Tweet zusammen fasste:

 

Der Online-Elternclan: Zur gesellschaftlichen Bedeutung von Elternblogs
mit Susanne Mierau

 

Sind bloggende Väter eine Nischenerscheinung?
mit Sven Trautwein,Patricia Cammarata,Andreas Lorenz,Floyd Celluloyd

Beide Vorträge haben mich zu einem Blogpost angeregt, den ich aber noch schreiben muss. Ich habe schon ein bisschen dazu getwittert. Mir ist es besonders wichtig, mit allen Blogger*innen und Leser*innen die Beantwortung, warum Elternblogs eine gesellschaftliche Relevanz haben, zu vertiefen.

 

Nicht wirklich: David Hasselhoff 
Dieser „Vortrag“ war Klamauk. Und ja, ich war dort, aus Neugierde. Und weil es einfach zu skurril ist: The Hoff auf der republica, was für ein Quatsch! War es dann auch: Ein Sponsor hatte sein Testimonial mitgebracht. Es war David Hasselhoff und er sollte über digital freedom und Datensicherheit sprechen. Das Ganze war derartig mit der heißen PR-Nadel gestrickt, dass die Argumentation, warum der David dazu auch nur eine Silbe sagen könnte, nicht aushalten war. Ich habe daher mit einigen anderen die Sache vorher abgebrochen. Gesungen haben soll er aber noch, der David, zusammen mit dem Publikum. Wer will, kann sich das hier an schauen.

 

Rede zur Lage der Nation
mit Sascha Lobo


Anguckbefehl!
Von vielen bereits kritisiert und gescholten, auch zurecht, mich konnte Sascha Lobo mit der Rede trotzdem packen. Ich fand sie gut. Ich fand es informativ, wie Sascha alle Punkte zum Thema Massenüberwachung und Gefahr unserer Freiheit zusammen fasste. Und ich finde es auch wichtig, dass er auf den Punkt bringt, wie es jetzt weitergehen muss: Der Widerstand muss aktiv und politisch werden. Petitionen klicken reicht in Brüssel nicht. Was wir brauchen sind langfristig engagierte Aktionen, die bis nach Brüssel reichen. Ohne finanzielle Unterstützung kann es keine langfristige Aktion geben. Wer soll das neben seinem Job leisten können? Eben. Spenden kann man übrigens folgenden Initiativen.

Allerdings möchte ich eine gute Kritik von Das Nuf Advance nicht unerwähnt lassen. Der Ton der Lobo-Rede war gewöhnungsbedürftig und ich finde auch, dass Schimpfen bei Erwachsenen nicht viel mit Augenhöhe zu tun hat, und (daher) auch im Kinderzimmer nichts bringt. Wie wir Eltern wissen: Ein Gespräch, konstruktive Kritik und Motivation für neue Ziele bringen viel mehr. Auch mehr eigenständige Leistung. Aber ich glaube, dass Lobo seinen Ton und die Worte nicht nur für die Anwesenden im Saal gewählt hat, sondern auch für die TV-, Radio- und YouTube-Zuschauer/hörer, die nicht alle Teil der „Netzgemeinde“ sind und für das Thema noch wachgerüttelt werden müssen.

 

Bye bye Gatekeeper: Wer bestimmt die Themen im Netz?
mit
Ferda Ataman, Kübra Gümüşay, Anne Wizorek, Sabine Mohamed

Wie kommen die Themen ins Netz? Und wie in die Mainstream-Medien? Welche Möglichkeiten des Themensettings bieten Social Media – und wie kommen sie auf die Straße? Diese Fragen wurden anhand der Beispiele #aufschrei und #schauhin gezeigt.

 

Irgendwo muss man halt anfangen – Programmieren für Nullcheckerbunnys
mit Anne Schüßler, Kathrin Passig

https://voicerepublic.com/venues/195/talks/717#
Rein durfte nur, wer absolut keine Erfahrung im Programmieren hat. Auf der republica sind das meiner Schätzung nach wohl nur 1 % aller Teilnehmer. Das ist bei bei rund 6000 Besuchern noch genug für den Workshop. Zu dieser Session gibt es leider kein Video. Ein witziger und kurzweiliger Vortrag. Unsere Einstellung zum Programmieren dann für immer durch allerniedlichste Tierbildchen positiv konditioniert. Wenn ich jetzt „Programmieren“ denke, habe ich nur gute Gefühle! ;)

 

#idpet – Wenn Partizipation und Grundrechte kollidieren.
mit Andrea Meyer undNele Tabler

Dieser Vortrag ist sehr gut, guckt ihn Euch an. Allerdings macht er sehr wütend und traurig. Denn der wichtige Bildungsplan ist aufgrund der Petition auf 2016 verschoben worden, damit „mehr Zeit für die Diskussion“ bleibt. Katastrophales Ergebnis dieser Petition. In den Hasskommentaren in der Petition gibt es etliche, die Pädophilie und Homosexualität gleichsetzen.  Nele Tabler:  „Die Menschen haben (durch die Petition) gelernt, dass man homophobe und menschenverachtende Aussagen treffen darf, ohne, dass etwas passiert.“

 

Todessternsünden
Laura Sophie Dornheim

Die klassischen biblischen Todsünden, angewendet auf die Netzkultur. Sehr, sehr treffend mit einer überaus herzerwärmenden Liebeserklärung der Schwester an die Vortagende.

 

Ein blindes Huhn ist kein Ponyhof: Mit Schabernack auf Wortschatzsuche
Wibke Ladwig


Total witzig, klug und sprachaffin: Sprache lebt und Sprachwandel kann man durch Vorschriften nicht aufhalten. Seit rund 400 Jahren übrigens wird der Abgesang auf die gute, richtige deutsche Sprache besungen. Wibke Ladwig: „Wortschatz ist Liebe. Geht raus und teilt Euren Wortschatz mit Menschen“. Wortschatz ist auch unsere stärkste Waffe für den Protest, für das Zusammenschließen von Widerstand: „Poetisiert Euch!“

 

Und abschließend noch eine Session, die ich selber nur über Youtube kenne, weil ich mich schon auf dem Heimweg mit meiner #glsmitfahrwg befand:

Wie ich lernte die Überwachung zu lieben
mit Felix Schwenzel


Der Mann, der im Vortrag ein bisschen wie Karl Marx aussieht, sollte unbedingt (!!!) angeschaut werden. Schon die Tweets darüber haben mich im Auto auf der Rückfahrt neugierig gemacht. Der Vortrag ist überlegt, klug und weitsichtig. Felix Schwenzel vergleicht die rassistischen Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung im Amerika in den  60er Jahren mit dem heutigen Widerstand gegen die Massenüberwachung. Er versucht Symbole zu finden, die als Wendepunkte funktionieren könnten. Ebenso wie Sascha Lobo und Friedemann Karig arbeitet er sich daran ab, neue Narrative, neue Schlagwörter und überzeugende Slogans zu finden.

Ich glaube, daran müssen wir alle noch arbeiten. Netzgemeinde oder nicht. Die Überwachung findet ja leider nicht (mehr) nur im Netz statt, sie ist irgendwie so überall!

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5 Kommentare

  1. Danke für den Bericht. Wir haben uns tatsächlich während der re:publica darüber unterhalten, wie viele Leute wohl so programmieren können oder eben nicht und mussten feststellen, dass wir es wirklich nicht mehr sagen können. Tatsächlich würde ich vermuten, dass es gar nicht 1 Prozent sind, sondern eher in Richtung 50 Prozent geht. Vielleicht ist die Zahl aber auch eine ganz andere.

  2. Toller und unfassender Bericht, vielen Dank! Da wäre ich auch gern dabei gewesen… naja, Kind wird größer und irgendwann… :) Liebe Grüße, Janina

  3. […] #rp14 re:view: Soziale Themen auf der re:publica 2014 re:publica14 Rückblick II Wie wir miteinander reden Netzgemeinde, das war einmal. Die re:publica 2014: Meine Eindrücke (mama notes) […]

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