Teil 2 der Reihe „Mutterschaft und Macht. Eine Spurensuche“ auf Mama Notes
Ich erinnere mich noch gut an diesen Werbespot aus dem Jahr 2003. Eine Frau wird gefragt, was sie beruflich macht. Sie antwortet: „Ich leite ein sehr erfolgreiches kleines Familienunternehmen.“
Ich war damals 31, selbst noch kinderlos, aber mittendrin in der Vorstellung, dass Gleichberechtigung einfach eine Frage der Haltung ist. Ich fand den Satz smart. Endlich ein stolzer Blick auf die Arbeit von Müttern. Endlich kein verschämtes “Hausfrau und Mutter” mehr. Das klang für mich nach Sichtbarkeit, nach Anerkennung, nach Selbstermächtigung.
Was ich damals nicht sofort sah: Dieser Spot keine Anerkennung sondern gequirlter Quark. Ein neuer Anstrich für eine alte Rolle. Die Mutter als Managerin, die die alles regelt, alles im Blick hat und alles gerne tut; die ihre Überlastung immer noch nicht benennt, sondern charmant weglächelt, weil sie ja jetzt „Managerin“ ist. Die komplette Verantwortung bleibt bei der Mutter, die Überbelastung auch und die Wertschätzung ist bestenfalls symbolisch.
Der Spot zeigte nichts aus der Realität: die Mehrfachbelastung von Müttern aber auch keine Migrant:innen, keine Alleinerziehenden, keine behinderten Mütter, keine queeren Eltern. Das Mutterbild des Spots: weiß, körperlich gesund, cis-heteronormativ, bürgerlich und kapitalistisch geprägt.
Übermenschlich, überhöht und doch unterworfen
Was ist an unserem Mutterbild eigentlich „romantisiert“? Romantisiert heißt: etwas wird idealisiert, verklärt und emotional überhöht. Also hier: Muttersein wird als pures Glück dargestellt. Idealisiert werden Liebe, Aufopferung, Nähe und komplett ignoriert bleiben Erschöpfung, Widersprüche, strukturelle Lasten. Die„bedingungslose Liebe“ der Mutter wird zur Norm erklärt, ihr Verzicht auf individuelle Lebensplanung wird zur moralisierten Erwartung. Die reale Belastung der Arbeit wird umgedeutet zur freiwilligen Hingabe in die Fürsorge.
Denn wenn Mutterschaft als „schönste Aufgabe der Welt“ ist, erscheint jede Mutter, die sie nicht so erlebt, als lieblos oder undankbar.
Die Vorstellung davon, was eine “gute Mutter” zu sein hat, ist eine tief in unserer Kultur verankerten Erzählung. Sie zieht sich durch Medien, Ratgeber, Kinderliteratur, Werbung und politische Programme: Die gute Mutter liebt bedingungslos, ist geduldig, verzeihend, selbstlos. Sie lebt für ihre Kinder und stellt sich oder ihre Bedürfnisse niemals in den Mittelpunkt.
Das ist kein harmloses Bild. Es ist eine Machtstruktur. Es erschafft gesellschaftliche Erwartungen, denen kaum ein Mensch gerecht werden kann, ohne sich selbst zu verlieren. Dieses Mutterbild erzeugt Schuldgefühle. Wenn eine Mutter andere Gefühle als liebe fühlt, Wer dem Ideal nicht entsprechen kann oder will, wird zur „schlechten Mutter“. Somit verhindert das Mutterbild verhindert, dass Care-Arbeit zur politische Frage wird. Denn wer die Logik des Mutterideals in Frage stellt, wird einfach wegignoriert bzw. mit Geringschätzung bestraft.
In einem patriarchalen System ist das Mutterbild ein zentrales Organisationsprinzip: Es regelt, wer sich kümmert, wer dient, wer etwas zu sagen hat und wer nicht. Dieses Bild sieht in jedem Land und in jeder Kultur etwas anders aus, aber in allen bleibt der Kern derselbe. In fast allen Kulturen weltweit prägen patriarchale Systeme die gesellschaftliche Ordnung. (Link) Das in Deutschland vorherrschende Mutterbild ist stark von der Ideologie geprägt, dass Kinder, Erziehung und Familie eine private Aufgabe sind und die Mutter dafür zuständig ist. In Frankreich oder in den skandinavischen Ländern werden Familie werden und Kindererziehung eher als gesellschaftliche Aufgabe verstanden wird. (Link Link)
Kurzer historischer Abriss
Die deutsche Mutterschaftsideologie ist im Kern stark christlich-religiös geprägt. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit verkörperte die Figur Marias das christliche Ideal der Mutterschaft: eine Frau ohne Verlangen, ohne Eigensinn, die für ihre Leidensfähigkeit verehrt wurde. Ihre Rolle war Fürsorge ohne Gegenleistung. Mutterschaft war moralisch erhaben, körperlos und ausschließlich funktional.

Im 19. Jahrhundert, insbesondere in der Romantik und im Biedermeier erhielt dieses Ideal eine bürgerliche Konnotation. Die Frau wird zur Hüterin der Gefühle und des Innenlebens, zur emotionalen Managerin des Zuhauses. Mutterschaft wird als natürliches Schicksal angesehen. Die Liebe wird zum Beweis ihrer Weiblichkeit und zur Legitimation ihrer politischen Bedeutungslosigkeit.

Quelle
In der Zeit des Nationalsozialismus (1933 bis 1945) wurde das Mutterbild radikal instrumentalisiert: Die Frau als biologische Ressource. Ihre Fähigkeit, Kinder zu bekommen, wird zur nationalenPflicht.
Mutterschaft ist staatlich gelenkt, ideologisch aufgeladen und militärisch konzipiert. Die Frau soll nicht fühlen, sondern aufopfern, nicht individuell, sondern kollektiv. (hier)
Das heutige deutsche Mutterbild übernimmt viele dieser Depersonalisierungen der historischen Bilder. Die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken analysiert in ihrem Buch „Die deutsche Mutter“ (2001), wie stark das deutsche Mutterbild von der nationalsozialistischen Ideologie geprägt ist und auch nach 1945 kulturell fortbesteht. Nach 1945 wurde das Mutterideal wieder privatisiert, entpolitisiert und sprachlich aufgeweicht. Es wird wieder zurück in das Private geschoben. Zwar hat die Mutter etwas mehr Mitspracherecht, bleibt aber die einzige Person/Figur, die emotional präsent und verantwortlich ist und verfügt noch immer über keine Sicherheit oder politische Macht.
Die deutsche Mutterschaftsideologie bezieht sich immer noch nur auf Menschen innerhalb der rassistisch geprägten Erwartungen:, weiß, körperlich/geistig nicht behindert, cis-heterosexuell, bürgerlich und kapitalistisch sozialisiert. Alle anderen werden vom Mutterbild systematisch ausgeschlossen.
Das so aufgeladene Mutterbild nimmt Müttern ihrer Handlungsfähigkeit, ihrer Bedürfnisse und ihrer Stimme. Und auch: Kindern wird die Erfahrung einer echten Beziehung vorenthalten. Eine Beziehung mit einem authentischen Menschen, der menschlich fühlt, menschlich erschöpft sein darf und menschlich liebt.
Was Diskriminierung für Mütter und Kinder bedeutet
Wer aus dem traditionell geprägten Mutterbild herausfällt, fällt nicht gerade weich. Mütter, die bereits marginalisiert sind, beispielsweise durch Armut, Rassismus, Behinderung oder Migration, erfahren eine noch stärkere Belastung. Wer nicht zum rassistischen und klassistischen Mutterbild gehört, wird missachtet. Untersuchungen zeigen, dass Mütter, die mit ständiger Unsicherheit, Kontrolle oder Abwertung leben, unter chronischem Stress leiden. Viele dieser Frauen leiden unter psychischem Stress, materieller Überlastung und struktureller Isolation (RKI, 2019).
Auch ihre Kinder leiden. Sie haben das Gefühl, dass ihre Familie nicht dazugehört. Gerade Kinder von Müttern, die Rassismus erfahren, erleben oft, dass ihre Familie nicht anerkannt oder gar unterbewertet wird. Dies kann einen prägenden Einfluss auf das Selbstbild, das Sicherheitsgefühl und die Entwicklung haben. Eine Studie zeigt, dass Kinder, die Diskriminierung erfahren oder miterleben, häufiger unter psychischem Stress und Entwicklungsproblemen leiden (Veröffentlichung des Soziologischen Kongresses, 2016).
Diskriminierung wirkt sich auf den Körper, die Seele und die Beziehung aus. Sie verstärkt „das Unbehagen“, das viele Mütter heute aufgrund der großen Kluft zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und tatsächlichen Umständen empfinden (Kaiser, Das Unwohlsein der modernen Mutter, 2021). Und sie kann lange bleiben – auch wenn die Kinder längst erwachsen sind.
Zwischen Wunschvorstellung und gelebter Realität
Natürlich gibt es heute viele Eltern, deren Mutter- und Familienbild sich aufgeschlossener, weniger rassistisch und heteronormativ zeigt. Sie bemühen sich darum, alte Wertebilder, internalisierte Sexismen und Rassismen zu überfinden. Kinder sollen ernst genommen, gehört und in Geborgenheit und Nähe aufwachsen. Väter sind präsenter als früher. Mütter sind besser informiert.
Dennoch bliebt die Realität widersprüchlich. Viele Eltern möchten es anders machen: gleichberechtigter, bindungsorientierter, bewusster. Und doch bleibt im Alltag vieles gleich: Die Mutter trägt die Verantwortung, der Vater „hilft“ anstatt mit zu führen. Das emotionale und körperliche Wohlbefinden der Kinder steht vollumfänglicher als in den Generationen zuvor im Zentrum der mütterlichen Zuwendung. Die Folge: Selbst in fortschrittlichen Familien sind es typischerweise die Mütter, die den Großteil der Sorgearbeit, der mentalen Belastung und der emotionalen Verantwortung tragen. Denn sie und ihre Partner:innen handeln nicht unabhängig ihres kulturell geprägten Mutterbildes. Die Maßstäbe dieses Ideals wirken noch immer, selbst auf diejenigen, die es bewusst in Frage stellen. Link
Dies zeigt, dass auch bei Verhaltensänderungen die Logik des Mutterbildes wirksam bleibt. Die Folgen sind nicht immer sichtbar, aber ihre Symptome sind es: Die Mütter sind erschöpft, auf der ganzen Linie. Es ist ein Phänomen, das als Mental Load (mentale Belastung) bekannt geworden ist (Cammarata, Raus aus der Mental Load Falle, 2020). Studien wie der Gender Care Gap Report des Bundesfamilienministeriums (2022) zeigen, dass Mütter im Durchschnitt fast doppelt so viel Zeit für unbezahlte Betreuungsarbeit aufwenden wie Väter. Was fehlt ist, dass Verantwortung, emotionale Verfügbarkeit und mentale Last gemeinsam von den sorgebeauftragen Erwachsenen übernommen werden können. Das Problem ist aber nicht nur auf der privaten Beziehungsebende zu finden.
Denn das System besteht nach wie vor. Die Mutter bleibt dem alten Mutterbild nach unterworfen. Väter, die bereit sind mehr als die üblichen 2 Monate in Elternzeit zu gehen, erfahren Schwierigkeiten im Job (die Frauen ja übrigens auch). Die Überlastung der Mütter bleibt bestehen.
Wenn Mütter überfordert sind: Maternal Burnout
Was ist, wenn das Versprechen, dass Mütter das alles aus Liebe schon irgendwie schaffen, in sich zusammenfällt? Was ist, wenn klar wird: Verzicht und Selbstaufgabe sind doch kein so „natürlicher“ Teil der Mutterschaft. Was ist, wenn die Mütter erschöpft sind, ausgebrannt?
„Maternal Burnout“ ist der Sammelbegriff für ein Phänomen, unter dem viele Mütter leiden. Er kommt aus der internationalen Gesundheitsforschung und wird heute in Australien, Großbritannien, Frankreich und Kanada ganz selbstverständlich in gesellschaftlichen Debatten verwendet. In Deutschland fehlt die Sprache für das, was eigentlich schon lange sichtbar ist.
Das erste Mal begegnete mir der Begriff in einem Instagram-Post der australischen Soziologin Dr. Sophie Brock. Sie schrieb über das Gefühl der Leere, über das Funktionieren ohne Rückhalt, über diese Müdigkeit. (Dr. Sophie Brock auf Instagram: Maternal Burnout)
Burnout als Begriff für eine zumeist berufliche Überlastung und tiefer Erschöpfung, die durch chronischen Stress im Job entsteht, ist auch auf Mutterschaft übertragbar. Die Symptome wie emotionale Erschöpfung, Rückzug, Schuldgefühle, sind sehr ähnlich zu dem, was ausgelaugte Mütter berichten.
Die Soziologin Christina Mundlos beschreibt in ihrem Buch „Wenn Muttersein nicht glücklich macht“ (2015), wie tief Mütter in den kulturellen Erwartungen und rechtlichen Verpflichtungen der Gesellschaft gefangen sind. Mutterschaft in Deutschland liegt immer noch in der Eigenverantwortung der Mutter. Strukturelle Ursachen, wie beispielsweise Lücken in der Kinderbetreuung oder an Arbeitszeitmodelle, die eine wirtschaftliche oder finanzielle Unabhängigkeit der Mütter vorsehen würden, werden nicht hinterfragt.
Sprich: Das System wird nicht hinterfragt, nur die Mutter.
Dabei liegt Ursache für den Maternal Burnout in der strukturellen Zumutung; es liegt an einem Mutterideal, das Frauen unendlich viel abverlangt und ihnen kaum etwas zurückgibt.
Strukturelle Ungleichheit verstärkt die Belastung. Mütter, die rassistisch oder klassistisch marginalisiert werden, sind häufiger und schwerer von Burnout betroffen, weil sie noch weniger Unterstützung erfahren und noch mehr Hürden bewältigen müssen. Untersuchungen zeigen, dass diese Mütter deutlich weniger Zugang zu psychotherapeutischer Versorgung haben und einem höheren psychosozialen Druck ausgesetzt sind (RKI, 2019).
Maternal Burnout ist ein soziales Symptom.
Was Kinder wirklich brauchen
Kinder brauchen keine moralisch überhöhten Mütter, die sich in den Dienst der Familie stellen. Sie brauchen Menschen: sich kümmernde, liebevollen Personen, die authentisch sind. Menschen, die sagen können: Ich bin wütend. Ich bin müde. Ich brauche Hilfe.
Stattdessen erleben Kinder oft, dass Fürsorge mit Selbstaufopferung gleichzusetzen ist. Dass Mütter immer funktionieren müssen. Dass die Liebe einer Mutter (und ggf. auch die einer Frau) still, leidend und verlässlich sein muss.
Dabei brauchen Kinder Erwachsene, die für sie da sind und verlässliche und emotional präsente Bezugspersonen sind. Sie brauchen keine Perfektion, keine übermenschliche, entpersonifizierte Überhöhung von Liebe.
Kinder brauchen Beziehung. (Bowlby, Bindungstheorie Link) Nur mit einem authentischen Gegenüber lernen Kinder, sich selbst und ihre Gefühle ernst zu nehmen und sichere und geborgene Bindungen eingehen zu können.
Stattdessen erleben viele Kinder eher das Gegenteil Denn das Mutterschaftsideal wirkt: Kinder beobachten, wie Geschlechterrollen gelebt werden. Sie sehen, wer sich um andere kümmert, wer sich zurück hält, wer die Verantwortung trägt und wer nicht. Auch wenn Eltern ein Beispiel für Gleichberechtigung sein wollen, verhindert das stark wirkende Mutterideal dies zumeist. Ihre wiederholen dennoch oft alte Muster: die Mutter ist Mittelpunkt der Sorgearbeit, der Vater steht nur dabei. Die Frau ist emotional verantwortlich, der Mann optional hilfsbereit (oder auch nicht).
Wenn die Kinder später selbst Eltern werden, wiederholt sich dieser Zwang, getarnt als „Mutterliebe“.
Und die Väter?
Wenn Mütter derartig überlastet sind, stellt man sich die Frage: Wo sind die Väter? Väter bzw. Männer wollen eins: nicht mütterlich, nicht weiblich sein. Bloß nicht sich „verrückt machen wegen der Kinder“, wie so eine „unentspannte“ Mutter.
Solange das Weibliche gesellschaftlich unterbewertet ist, wird Fürsorgearbeit und emotionale Präsenz keine männlich gelesene Qualität werden. Wer „wie ein Mädchen“ wirft, fühlt oder sich kümmert, verliert an Status. Weibliche Eigenschaften werden als Schwächen gewertet, männliche hingegen als stark und tonangebend. Von Frauen dominierte Berufe werden als minderwertig angesehen und dementsprechend schlecht bezahlt. Frauen in Führungspositionen werden nicht als stark und durchsetzungsfähig, sondern eher als anstrengend oder arrogant wahrgenommen. All dies hat enorme Auswirkungen darauf, was Menschen über sich selbst erfahren dürfen und was nicht. Und es bestimmt auch, wie weit Frauen und Mädchen von der Gleichberechtigung und einer wahren Anerkennung entfernt sind.
In der traditionellen Rollenverteilung soll der Vater der Ernährer und Entscheidungsträger sein: Er ist für die Außenwelt verantwortlich, nicht für die Beziehung. Emotionaler Rückzug gilt als normal, Distanz wird als Stärke empfunden. Männliche Anwesenheit wird als Engagement angesehen. Tatsächliche tatkräftige Verantwortung bleibt für Männer eine Option.
Viele (cis- und heterosexuelle) Jungen erfahren erst im später im Erwachsenenalter eine emotionale Erwiderung, nämlich in einer heterosexuellen Beziehung. Plötzlich erwartet da jemand, ihre Partnerin, dass sie Verantwortung mit übernehmen, emotional verfügbar sind und ebenso Fürsorge und Beziehungsarbeit leisten wie sie.
Im Patriarchat wachsen Jungen oft ohne eine Sprache für Gefühle, Unsicherheiten oder Ambivalenzen auf. Gefühlsäußerungen wie Weinen, Rückzug bei Angst etc. wird ihnen untersagt. Und zwar nicht weil die Mütter versagten, sondern weil das Idealbild der Mutterschaft ihnen wenig Handlungsraum lässt. Ihr erinnert euch? Echte, authentische Beziehungsarbeit bedeutet die eigenen Gefühle zu kennen, andere Gefühle ernst nehmen und, im Falle von Kindern und Jugendlichen, sie fürsorglich zu begleiten und eigene Grenzen wahren. Während Mädchen zur Fürsorge, Rücksicht und Harmonie erzogen werden, erfahren Jungen, dass es Teil ihrer Identität sein sollte, erstens, nicht wie ein Mädchen zu sein und zweitens, keine Gefühle und erst recht keine Sprache dafür zu haben.
Männlichkeit, so wie sie heute immer noch oft gelebt wird, schneidet Männer von genau dem ab, was den Menschen ausmacht: Beziehung, Verbundenheit, Verletzlichkeit, Mitgefühl. Wer das Mutterbild hinterfragt, muss auch das Vaterbild verändern. Erst dann wird Gleichheit möglich.
Die neuen Väter?
Viele Väter wollen heute mehr als nur der klassische Versorger sein. Laut Väterreport 2023 wünschen sich etwa 50 Prozent eine gleichberechtigte Aufteilung der Kinderbetreuung. In der Realität schaffen das nur rund 20 Prozent. Das liegt nicht daran, dass sie es nicht können, sondern daran, dass sie es schlicht nicht tun! Was hindert sie daran? Alte Vorstellungen von Männlichkeit und Strukturen, die genau diese Vorstellungen stabilisieren. (Quelle: BMFSFJ, Väterreport 2023)
Ein bisschen mithelfen reicht nicht, wenn eine fürsorgliche Vaterrolle angestrebt wird. Wer wirklich Vater sein will, muss Verantwortung übernehmen. Dauerhaft. Nicht auf Zuruf, sondern aus eigener Initiative. Jede Tag. Jeden.
Ein neuer Vater zu sein heißt: sich kümmern, sich weiterbilden, sich einmischen. Gefühle zulassen, verletzlich sein, Beziehungsarbeit leisten. Nicht (nur ihren Partnerinnen und Kindern zuliebe, sondern tatsächlich, weil es zum Menschsein dazugehört und sie sich das nicht länger nehmen lassen wollen.
Es heißt auch, die eigene Sozialisation zu hinterfragen. Zu verstehen, wie sie gelernt haben, nicht zu fühlen, nicht zu sprechen, nicht zu pflegen. Und sich dann bewusst dafür zu entscheiden, es anders zu machen. Es heißt auch, sich aktiv mit der Realität von Frauen und Müttern auseinanderzusetzen, mit ihrer Erschöpfung, ihrer Wut, ihrer Verantwortun; lernen, wie Frauen sozialisiert wurden – und aus all dem Konsequenzen zu ziehen.
Solange Männer sich nicht ein eigenes Bild davon machen, was es heißt, fürsorglich, präsent und gleichwertig Vater zu sein, ändert sich nichts. Dann bleibt Vaterschaft abhängig von der unbezahlten Arbeit der Frauen. Das ist dann bequem für die Männer – und patriarchal.
Das Mutterbild stabilisiert patriarchale Machtstrukturen
Die Rollenbilde unserer Gesellschaft sind kein Zufall. Sie sind gemacht. Sie sichern Macht und sorgen dafür, dass Männer politisch und wirtschaftlich profitieren, emotional entlastet sind und sich nicht kümmern müssen.
Wir sehen, wie das romantisierte Mutterbild ein Instrument ist, das unterschiedliche Unterdrückungssysteme im Patriarchat verbindet und verstärkt: Sexismus, Kapitalismus, White Supremacy und Nationalismus.
Im Kapitalismus hat Pflegearbeit keinen Wert, wenn sie nicht einen direkten monetären Ertrag bringt. Menschen, die keine oder nur eingeschränkte Leistung erbringen können, werden als Belastung empfunden. Daran krankt die Anerkennung der im Privaten versteckten Sorgearbeit und mentale Last der Mütter. Mütter, die aufgrund einer Behinderung oder Armut oder Migration nicht dem normativen Mutterbild entsprechen, werden nicht nur unterbewertet, sondern häufig auch vom Staat kontrolliert.
Im Rassismus, der bis heute strukturell dominant ist, werden schwarze Mütter und „Mütter of Color“ entweder romantisiert, was auch eine Form des Othering ist (die starke schwarze Frau) oder als unzulänglich angesehen. Ihre Betreuung ist nicht geschützt, sondern wird vom Staat oft aktiv verdächtigt, delegitimiert oder kontrolliert.
Im autoritären Nationalismus, wie er sich auch in der deutschen Migrationspolitik zeigt, werden bestimmte Mütter überhaupt nicht berücksichtigt. Sie werden nicht als Teil der Gemeinschaft betrachtet, sondern als „Fremde“, deren Elternschaft zwar toleriert, aber nicht als gleichwertig anerkannt wird.
Das Mutterbild mit all seinen klassistischen, rassistischen und kapitalistischen Normen reproduziert und stabilisiert das patriarchale Machtsystem. Und genau deshalb ist das Bild der Mutter eine mächtig Schnittstelle im Patriarchat: Es bestärkt die soziale, rassistische und wirtschaftliche Ungleichheit, indem sie diese zur Norm erklärt.
Wer sich das Mutterbild anschaut und es versteht, erkennt auch, wie eng Machtstrukturen im Patriarchat, Rassismus, Kapitalismus, Klassismus, Sexismus miteinander verwoben sind.
Das Patriarchat ist gar kein Naturgesetz
Patriarchat. Diese kleine, kurzlebige Abweichung in der Menschheitsgeschichte. Vorher rund 300.000 Jahre lang gelebte Fürsorge, Kooperation und sozialer Zusammenhalt. Die Menschheit hat nicht überlebt, weil sie sich gegenseitig bekämpft und übertrumpft hat, sondern weil sie sich umeinander gekümmert hat. Das Patriarchat ist nicht das System, womit sich die Spezies durchsetzen konnte.
Es gab vor dem Patriarchat Gesellschaftsformen, in denen Macht nicht durch Dominanz, sondern durch Beziehungen entstand. Gesellschaften, in denen Mütter nicht allein waren, in denen Fürsorge keine Schwäche, sondern eine kollektive Stärke war. Anthropologen wie Margaret Mead und Riane Eisler haben gezeigt, dass matrifokale Kulturen keine Umkehrung der patriarchalischen Herrschaft darstellen, sondern auf völlig anderen Prinzipien beruhen. Sie sind eher zyklisch als hierarchisch und verbinden eher, als dass sie kontrollieren. Riane Eisler nennt sie „Modelle kooperativer Partnerschaft“, in denen Gleichheit, Partizipation und Fürsorge zentrale Werte waren (Quelle).
Die Mutter stand im Mittelpunkt. Nicht als Herrscherin, sondern als verbindendes Zentrum im sozialen Gefüge. Archäologische Funde bestätigen, wie grundlegend soziale Fürsorge für das Überleben unserer Spezies war.
Ein bekanntes Beispiel ist der vollständig verheilte Oberschenkelknochen eines frühen Homo sapiens. Eine Verletzung, die in der damaligen Zeit nur in langwierige Pflege durch andere Menschen heilen konnte. Andernfalls wäre die verletzte Person gestorben. Säbelzahntiger und so. Nicht „survival of the fittest“,das ein durch und durch patriarchales Konzept ist, sondern diejenigen überlebten, die versorgten und versorgt wurden. (Quelle).
Gemeinschaft, Zusammenhalt, Kooperation. Verbindung.
Was wir brauchen
Wir brauchen kein idealisiertes Mutterbild, sondern ein Bild für Vielfalt. Wir brauchen überhaupt kein Mutterbild. Mutterschaft ist kein Projekt, keine Mission, keine „Managerin“. Muttersein ist Teil des Menschseins, nicht mehr und nicht weniger.
Wenn wir Mutterschaft entidealisieren, machen wir sie menschlich. Erst wenn Fürsorge wieder Nähe bedeutet und nicht Erschöpfung, wenn emotionale Arbeit nicht mehr als weiblich gelesen wird sondern gesellschaftlich verankert ist, können Kinder echte Beziehungen erleben. Und Mütter echte persönliche Freiheit und Lebensentscheidungen.
Das Mutterbild zu öffnen, letztendendlich abzuschaffen, ist ein Eingriff ins Fundament des Patriarchats und somit ein Eingriff in die Machtverhältnisse von Kapital und Kontrolle. Das ist nicht mal eben so getan.
Vielleicht ist das die größte Veränderung, mit der wir weiter machen können: Mutterschaft wieder zu einem Teil des Lebens zu machen.
Mutterschaft braucht kein Idealisierung. Muttersein braucht Realität, Solidarität und Handlungsspielraum im System.
Hier findest Du Teil 1 der Reihe Mutterschaft & Macht: Die Stimmen der Mütter.
Hier findest Du alle Artikel meiner Reihe Mutterschaft & Macht.




