Teil 3 der Reihe „Mutterschaft und Macht. Eine Spurensuche“ auf Mama Notes
„Alles ist möglich.“ Das ist das Versprechen an Frauen, an junge Mütter: Karriere, Familie, Selbstverwirklichung, das kannst du alles haben (wenn du dich anstrengst).
Werbung, Politik und Medien haben das Bild gezeichnet: Die moderne Frau, die mühelos zwischen Chefetage, Spielplatz und Yogastunde pendelt.
Doch was passiert wirklich, wenn eine Frau Mutter wird?
Sie stößt auf Grenzen. Auf alte Rollenmuster und auf Strukturen, die Vereinbarkeit versprechen, aber Abhängigkeit produzieren.
Im dritten Teil von „Mutterschaft & Macht“ geht es um das neoliberale Versprechen vom „Alles“, und darum, warum es vor allem eines verschleiert: strukturelle Ungleichheit.
Vereinbarkeit: Das Frauenthemen im Kapitalismus
Viele Frauen erleben mit der Geburt ihres ersten Kindes erstmals deutlich, wie wenig Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern besteht. Und das mit jeder neuen Generation von jungen Müttern. Die Erwerbsbeteiligung von Frauen sinkt nach der Geburt eines Kindes, während sie bei Männern oft unverändert bleibt oder sogar steigt. Frauen übernehmen weiterhin einen Großteil der unbezahlten Sorgearbeit während Männer im Durchschnitt mehr Zeit für Erwerbsarbeit aufwenden. (Quelle).
Die Erwerbstätigenquote von Frauen mit Kindern unter 15 Jahren liegt in Deutschland deutlich unter der von Männern mit Kindern. Bei Frauen mit einem Kind ist sie um 22 Prozent niedriger, bei zwei oder mehr Kindern sogar um 36 Prozent niedriger als bei den männlichen Vergleichsgruppen Quelle.
Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bleibt somit ein „Frauenthema“ und nachhaltige Chancengleichheit bleibt unerreichbar.
Eine Zusammenfassung der Ergebnisse zur sogenannten „Motherhood Penalty“ gibt es auch hier: https://www.zeit.de/gesellschaft/familie/2020-06/bertelsmann-studie-frauen-gehalt-muetter-lebenserwerbseinkommen-karriere
Diese Zahlen belegen, dass viele Frauen nach der Geburt des ersten Kindes strukturell benachteiligt werden und so die fehlende Chancengleichheit besonders spürbar wird.
Unsere Vorstellung von Arbeit ist ein kinderloser, weißer Mann
Die gesellschaftliche Vorstellung von Arbeit orientiert sich weiterhin an Erwerbsarbeit. Damit eng verknüpft sind gesellschaftlliche Anerkennung sowie die Vorstellung von Erfolg.
Unsere Vorstellung von Arbeit orientiert sich an einem sehr alten Ideal: An dem vollzeitverfügbaren, sorgenfreien (weil jemand anderes die Sorgearbeit macht und weil er gesund ist) weißen Mann. Das wurde zuletzt deutlich, als Friedrich Merz erklärte, Teilzeit schade dem Wohlstand und die Vier Tage Woche sei gefährlich. Als ginge es bei Teilzeit um Freizeit. Als wären es nicht hunderttausende Frauen, die Teilzeit arbeiten, weil die Strukturen keine andere Wahl lassen.
Die Merzschen Forderung, das Land arbeite zu wenig ist bereits mehrfach als unwahr entlarvt worden. Denn die Deutschen arbeiten insgesamt mehr als je zuvor. Lediglich die Arbeitszeit verteilt sich auf mehr Erwerbstätige. Es gibt heute mehr Menschen, die in Teilzeit arbeiten, insbesondere Frauen. Die Aussage, Deutschland arbeite zu wenig, ist statistisch widerlegt, siehe hier, hier und hier.
Die Vereinbarkeit von Kapitalismus und Patriarchat
Teilzeit ist keine Wahlfreiheit. Sie ist eine Notwendigkeit. Und trotzdem wird Teilzeit zu arbeiten oft so behandelt, als sei das ein unerlaubter Rückzug aus dem Arbeitsmarkt. Als wäre das ein individuelles Problem und kein gesellschaftliches, kein systemisches.
Diese Arbeitszeit-“Debatte“ ist kein Ausrutscher. Sie zeigt, wie eng die Logik von Kapitalismus und Patriarchat miteinander verknüpft sind. Arbeit ist das, was bezahlt wird. Der Rest passiert halt einfach so und wird höchstens wahr genommen, wenn etwa nicht funktioniert. Arbeit muss skalierbar sein, in Stunden, in Geldwert und es muss einforderbar sein.
Dabei ist es die unebzahlte Sorgearbeit, die das System stützt. Der Kapitalismus lebt davon, dass ein großer Teil gesellschaftlich notwendiger Arbeit unbezahlt bleibt. Und das Patriarchat sorgt dafür, dass diese Arbeit Frauen zugeschrieben und umbenannt wird: Fürsorge, aus Liebe, natürliche Aufgabe (siehe Die schönste Aufgabe der Welt.)
Dieses Zusammenspiel von Kapitalismus und Patriarchat bleibt im politischen Diskurs zumeist unerkannt. Es passt nicht ins Bild der vollzeitfähigen Idealarbeitskraft, die mindestens acht Stunden täglich produktiv sein soll und am besten keine anderen Verpflichtungen hat.
Dabei gibt es für Frauen weiterhin das Versprechen von, „alles ist möglich“. Karriere, Kinder, Projekte, Sport, Care, Selfcare. Alles gleichzeitig. Wenn du nicht zu viel forderst. Wenn du deine Gefühle im Griff hast und effizient bleibst. Wenn du dich gut genug organisiertst Dann klappt das schon.
So klingt White Feminism
Sheryl Sandberg hat das in „Lean In“ zu einem Erfolgsrezept erklärt. Frauen sollen sich mehr trauen, lauter sein, mehr Verantwortung und Führung übernehmen. Das Problem: Diese Haltung stellt keine Systemfrage. Sie fragt nicht, wer die Möglichkeit hat, Nannies zu beschäftigen oder warum nur so wenige nicht-weiße Frauen dabei mitspielen können. Sie fragt nicht nach den Bedingungen in dem System. Sondern die Aussage ist: Die Frau muss sich besser anpassen. Kein Wunder, dass dieses Denken sich so gut mit dem Kapitalismus verträgt. Es fordert nichts vom System. Nur von den Frauen.
Das System ist: siehe oben, zu Anfang des Artikels. Frauen übernehmen 44 Prozent mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer. (Quelle) Das ist jeden Tag über eine Stunde zusätzlich. Fast jede zweite berufstätige Frau arbeitet in Teilzeit (49 Prozent). Nicht, weil sie das gern tut, sondern weil sie muss. Kitazeiten, Schulferien, kranke Kinder, Mental Load, wer da Vollzeit arbeitet, hat entweder ein stabiles Umfeld oder läuft auf dem Zahnfleisch. Bei Männern liegt die Teilzeitquote bei 12 Prozent.
Das neoliberale Versprechen von „du kannst alles haben, wenn du dich nur anstrengst“ wirkt modern. In Wahrheit passt es perfekt in ein altes System und hat wenig bis nichts mit Gleichberechtigung oder Feminismus zu tun. Es will nicht verändern. Es will anpassen. Es fordert Leistung, Selbstdisziplin, Selbstverantwortung aber keine Umverteilung. Es verspricht Gleichberechtigung, aber meint individuelle Selbst-ausbeutung.
Die neoliberale Lüge
Uns Frauen und Mütter (und auch anderen marginalisierten Gruppen) hilft nicht noch mehr Effizienz, mehr Tempo, mehr Organisation. Uns hilft ein neuer Blick. Einer, der fragt: Warum ist es so schwer, beides zu kombinieren, Erwerbsarbeit und Sorge? Warum wird Care Arbeit noch immer behandelt wie eine Nebensache? Warum ist Care immer noch Frauensache? Wer profitiert davon, dass Vereinbarkeit ein Frauenthema bleibt? Warum schneiden junge Männer in Schule und Studium immer schlechter ab und erhalten dann doch die höheren Posten, das bessere Gehalt und die erfolgreicheren Karrieren?
Wir brauchen eine Perspektive, die das Leben ins Zentrum stellt. Und nicht den Output.
Was wäre, wenn Wirtschaft (dieses große ominöse Ding, als sei es eine eigene Kraft, die etwas fordert. Aber gut, das ist ein anderer Artikel) – also was wäre wenn die Wirtschaft nicht mehr gegen das Leben organisiert wäre, sondern mit ihm? Wenn Teilzeit und Care Arbeit nicht als Abweichung voneinander gelten, sondern als Grundlage voneinander? Wenn politische Entscheidungen sich an Erschöpfung, geteilten Zeiten und Fürsorge orientieren würden anstatt an Vollzeitarbeitsnormen?
Dann würden wir sehen, was heute übersehen wird: wie viele Menschen fehlen, weil das System sie ausschließt. Beispielsweise: Alleinerziehende ohne verlässliche Kinderbetreuung, Menschen mit chronischer Krankheit oder Behinderung, für die Präsenzpflichten nicht funktionieren. Frauen in ländlichen Regionen ohne Nahverkehr. Pflegende Angehörige, die nicht ersetzt werden. Arbeitsfähige Migrant*innen. Und Mütter, die offiziell Teilzeit arbeiten, in Wirklichkeit aber zwei oder mehr Jobs gleichzeitig machen.
Wenn diese Realitäten mitgedacht würden, könnten viele überhaupt erst teilnehmen. An Arbeit, an Weiterbildung, an politischer Gestaltung. Dann käme mehr zurück. Mehr Energie, mehr Ideen, mehr Lösungen, mehr „Leistung“. Denn wer nicht permanent erschöpft ist, kann gestalten. Wer nicht täglich um Sichtbarkeit kämpft, kann führen.
Das wäre nicht nur gerechter. Es wäre auch klüger. Nicht mehr gedacht vom Bild des ununterbrochen arbeitenden Mannes her, sondern von Bild der vielen, die längst doppelt leisten, aber kaum gesehen werden.
Das ist keine Idealvorstellung. Das ist eine Notwendigkeit
Hier findest du alle Artikel meiner Reihe Mutterschaft & Macht.
Foto von Oksana Taran auf Unsplash



